Rilkes Venedig. Eine Stadt ohne Dekadenz

Andreina Lavagetto

Abstract


Rilkes Hauptstädte waren Prag, Berlin, Paris, München. Doch haben andere Orte ‒ Rom, Capri, Borgeby Gård etwa, oder Duino und Muzot ‒ nicht nur die Biografie, sondern vor allem Rilkes Werkgeschichte geprägt. Zu diesen Orten gehört Venedig. Der Venedigdichtung Rilkes ist der Übergang von der impressionistischen, neoromantischen Stimmungslyrik der literarischen Anfänge im Fin de siècle zur Poetik des «Dinggedichts» eingeschrieben, die in der Doppelsammlung der Neuen Gedichte ihren stärksten Ausdruck findet (1907-1908). Rilkes Werk ‒ dies die Arbeitshypothese ‒ entwickelt sich nach einer von Krisen durchschnittenen poetologischen Linie, Zäsuren, die jeweils einen stilistischen und philosophischen Umbruch bedeuten. Rilkes venezianische Gedichte bilden ein kleines Corpus, wodurch es möglich wird, den Übergang von der einen zur anderen Werkphase exemplarisch wahrzunehmen und zu beobachten, somit auch das Reifen der rilkeschen Reflexion über Wesen und Bestimmung der modernen Kunst zu verfolgen. Wenn es, etwa in Gedichten bis hin zum Buch der Bilder, ein ideales Sujet von Ästhetisierungsprozessen darstellt (Schönheit der / in der Dekadenz), so verwandelt sich Venedig später in das vollgültige «Ding» der «sachlichen» Poesie. Die Stadt hört auf, das rätselhafte neblige Labyrinth zu sein, das unbestimmte Impressionen beschwört, der Ort, an dem verfallene Patrizierpaläste sich im toten Gewässer bespiegeln, wo eine alte Aristokratie ihre langsame Dekadenz durchlebt, und wird zu einer stolzen, kriegerischen Hauptstadt am Meer, gebaut mit dem Holz ganzer italienischer Wälder, bestehend aus Arsenälen und Warenlagern. Venedig wird zum Ort der Herrschaft und des Machtwillens. Durch das «sachliche Sagen» seiner neuen Poetik überwindet Rilke das freilich faszinierende Stereotyp einer Stadt, die im Widerschein alter Glanzzeiten ihren Verfall erleidet und genießt und wagt es, es ins ernste und strenge historische Bild der mächtigen Dogenrepublik umzudenken und umzuformen.


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ISSN: 0039-2952