Abgründe und Spiegelungen. Noten zu einem Versuch über die Heimat

Markus Ophälders

Abstract


Heimat und im Gegenzug Heimatlosigkeit werden traditionell immer auf einen bestimmten Ort und in zeitlicher Hinsicht auf eine an diesem Ort heimische Tradition bezogen und als Fundament von individueller und kollektiver Identität gefasst. Was kann es demnach heißen, im heutigen Zeitalter der Migrationen von Heimat zu reden? Zunächst einmal muß betont werden, dass Heimat keins von beidem ist, weder ein Ort noch eine Tradition. Heimat stellt eine Beziehung dar, genauer: die Beziehung eines jeweiligen Subjekts zu einem solchen Ort in seiner Erfahrung und Erinnerung. Heimat bedeutet also in Beziehung stehen und ein solches Verhältnis bezeichnet einen Reflexionszusammenhang, in welchem Erinnerung, Einbildungskraft, Vorstellungskraft, Wahrnehmung, kurz: mimetische und rationale Möglichkeiten von Erfahrung in eine fruchtbare Konstellation treten. Dies gilt jedoch nicht allein für unsere heutige Zeit, sondern auch für die Vergangenheit: der Gedanke an Heimat, gar Heimatlosigkeit, selbst Heimweh oder Nostalgie kann ja erst dort aufkommen, wo versucht wird, einem vermeintlichen Verlust von Heimat mit ihrer Verdinglichung und Fetischisierung zu begegnen. Ein in dieser Weise als Reflexionszusammenhang gefasster Begriff von Heimat ist nicht nur Korrektiv eines solchen pervertierten Begriffs, sondern gibt ebenso Ausblicke auf einen fruchtbaren und umfassenden Begriff von Heimat frei, der sich am Ende mit dem von Kultur deckt.


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ISSN: 0039-2952