Walther Rathenaus 'sermo propheticus' in der Zeit der Seelenvergessenheit

Mario Bosincu

Abstract


Der vorliegende Beitrag zielt darauf ab zu verdeutlichen, dass Walther Rathenaus Kulturkritik der Moderne als ein Ausdruck der Wiederbelebung des sermo propheticus betrachtet werden kann, wie er, im Kontext der modernen Weisheitsliteratur, im genre of the sage Gestalt gewann. Tatsächlich bewirkte die Kulturkatastrophe der Moderne die Renaissance der prophetischen Rhetorik, da gerade die Verwirklichung der kapitalistischen Utopie das Auftreten prophetenartiger Schriftsteller erforderte, deren Bücher bezweckten, die Übel der modernen Gesellschaft zu kritisieren und ihre Leser zum Bewusstsein ihrer pervertierten Seinsweise zu bringen, um ihnen den Heilsweg zur inneren Selbstverwandlung zu weisen. Im Besonderen dreht sich Rathenaus Prophetentum um die Diagnose der Mechanisierung des Menschen, d.h. seiner inneren Versklavung durch die Zweckrationalität, und der daraus resultierenden Seelenvergessenheit, und hat also das Ziel, seinen Lesern – unter Anwendung einer ethopoetischen Schreibweise – den Schlüssel zur Wiedergewinnung eines wiederbeseelten Seinsmodus zu liefern.


Full Text

PDF (Deutsch)


 

ISSN: 0039-2952