Der literarische Übersetzer zwischen unausweichlichen Lügen und der Wahrheit des anderen

Barbara Delli Castelli

Abstract


Generell ist die Arbeit des Übersetzers, und insbesondere die des Literaturübersetzers, an die Existenz eines Originaltextes gekoppelt – das Resultat eines klar definierten ‛Andersseins’, mit dessen Formen des kreativen Ausdrucks er permanent konfrontiert ist. Tatsächlich handelt es sich bei der ihm übertragenen Aufgabe um die Adaption eines Kommunikationsakts, bei der er als Vermittler zwischen kulturell und linguistisch unterschiedlichen Situationen agiert. Die literarische Übersetzung basiert demnach – mehr als jede andere Form der linguistischen und kulturellen Vermittlung – auf Aushandlungen. Dennoch ist eine veröffentlichte Übersetzung nicht nur das Ergebnis einer Verhandlung, die allein auf der Analyse der Eigentümlichkeiten des Textes sowie der Identifizierung eines Modell-Lesers basiert. Vielmehr ist sie auch das Ergebnis eines Kompromisses zwischen der Subjektivität der Entscheidungen des Übersetzers und den konkreten expressiven Möglichkeiten innerhalb der Zielkultur. Um die vorherrschenden textuellen Beziehungen des Originals zu reproduzieren und dabei die stilistischen Eigenschaften des Autors sowie die kulturspezifischen Charakteristika des Textes bestmöglich zu schützen, sodass diese für eine neue, anders konventionalisierte Umwelt zugänglich werden, muss der Übersetzer zwangsläufig auf einer strukturellen Ebene agieren und dabei auf bestimmte, auf seiner Erfahrung und Professionalität basierende Kunstgriffe zurückgreifen. Auf diese Art kann die Übersetzung ein Ort werden, an dem man das ethische Ziel des Translationsakts selbst – nämlich die Einordnung des ,Fremden‘ als solches ohne dessen Unterwerfung in der Zielkultur – erreichen kann.


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ISSN: 0039-2952