Eine ewig offene, schwelende Wunde. Lenz und das Ungesagte in Albert Ostermaiers Roman Lenz im Libanon (2015)

Cristina Fossaluzza

Abstract


Sowohl zu Lebzeiten als auch im Laufe der späteren Jahrhunderte stellt der Sturm-und-Drang Autor Jakob Michael Reinhold Lenz eine Grenz- und Randfigur der deutschen Literatur dar. In seiner Büchner-Preis-Rede aus dem Jahr 1985 bezeichnet ihn Heiner Müller sehr prägnant als den «erloschene[n] Blitz aus Livland», als eine fulminante doch vergessene Figur der deutschen Geschichte. Indessen taucht diese Figur im 20. und 21. Jahrhundert immer wieder auf: Besonders in Auseinandersetzung mit historischen Zäsuren und Umbruchszeiten rekurriert die Literatur immer wieder auf Lenz sowie auf dessen Werke, um unausgesprochene Traumata sichtbar und laut werden zu lassen. Davon ausgehend, möchte der Beitrag in einem ersten Teil die Dialektik von Schweigen und Erinnerung in der Geschichte von Lenz’ Rezeption anhand von zwei Momenten umreißen: 1. Lenz als Verkörperung der Dissonanz der Moderne, 2. Lenz als politische Lernfigur. Beide Momente fließen, wie im zweiten Teil des Beitrags exemplarisch dargelegt werden soll, in den Gegenwartsroman Lenz in Libanon von Albert Ostermaier (2015) ein, in dem nicht nur eine starke Kritik an Krieg und Globalisierung geübt wird, sondern auch auf den literarischen Diskurs um Lenz zurückgegriffen wird. Somit wird in diesem Roman eine «Poetik der Sichtbarkeit» erprobt, die Unausgesprochenes und Unbewältigtes zur Sprache kommen lassen möchte.

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ISSN: 0039-2952